El-Erian: "Konsum erlebt eisigen Gegenwind"

18.01.2010 | München
Mohamed El-Erian ist Co-CIO der US-amerikanischen Allianz Einheit PIMCO und gilt als einer der brilliantesten wirtschaftlichen Denker unserer Zeit. In seiner Analyse sieht er einen gedrosselten wirtschaftlichen Impuls, bedingt durch das Fehlen neuer Konjunkturprogramme. Dieser Impuls kann nur durch einen gesteigerten privaten Konsum gesetzt werden.

El-Erians Prognose: Eine andauernd hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern wird das Konsumverhalten auch in 2010 weiter negativ beeinflussen.

Die Aktienmärkte feiern das Ende der Rezession, und die Pessimisten sehen schon den nächsten Crash kommen. Wie lautet Ihre Einschätzung?

El-Erian: Angesichts des Engagements der politischen Entscheider überall auf der Welt ist die Erwartung, dass es einen Crash geben wird, übertrieben. Allerdings ist eine Kurskorrektur von 15 bis 20 Prozent möglich. Die Märkte haben sich 2009 zu schnell und zu weit bewegt. Die gegenwärtige Bewertung kann nur Bestand haben, wenn die Grundlagen der Wirtschaft und der einzelnen Unternehmen die Entwicklung der Märkte einholen. Bedenken Sie, dass das Wachstum in Ländern wie den USA oder dem Vereinigten Königreich im Jahre 2009 in hohem Maße von zeitlich begrenzten Faktoren getrieben war.

Die Frage lautet, ob wir im Jahre 2010 einen Übergang zu dauerhafteren Faktoren erleben werden. Und das bleibt höchst unsicher, zumal die unterschiedlichen Konjunkturpakete auslaufen und die Lagerhaltungszyklen ihre natürliche Bahn nehmen. Tatsächlich wird das Fehlen neuer Konjunkturprogramme in der zweiten Hälfte 2010 dadurch einen drosselnden Impuls setzen. Für die Ankurbelung der Wirtschaft ist ein nachhaltiger Anstieg des privaten Konsums entscheidend, aber der Konsum ist bereits einem eisigen Gegenwind ausgesetzt.

Was hindert die Konsumenten am Geldausgeben?

Erstens die andauernd hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern. Die zweistelligen Arbeitslosenquoten können zu einem großen Problem werden, falls sie fortbestehen. Wird solch ein Niveau erreicht, verändert sich das Verhalten der Beschäftigten, und der Druck auf die öffentlichen Finanzen erhöht sich sogar noch. Wenn man erlebt, dass die Arbeitslosigkeit nicht nur hoch, sondern beständig hoch ist, werden selbst diejenigen, die Arbeit haben, vorsichtiger und konsumieren weniger. Sogar Beschäftigte mit entsprechendem Einkommen fangen an, einen stärken Sparzwang zu empfinden.

Zweitens das, was die Volkswirtschaftler den Wohlstandseffekt nennen. Wir haben alle große Einbußen im Bereich unserer privaten Altersvorsorge hinnehmen müssen. Jetzt müssen wir mehr sparen als angenommen.

Drittens haben die amerikanischen Konsumenten, die lange Zeit der Treiber für das globale Wachstum waren, ihren Geldautomaten verloren. Denn viele Jahre lang haben die Amerikaner ihre Häuser als Geldautomaten zur Refinanzierung genutzt, weil die Häuserpreise stiegen. Darum ist es im Moment sehr schwierig für den US-amerikanischen Konsumenten, nicht nur die heimische Wirtschaft zu stützen, sondern auch noch den Rest der Welt.

Gemäß dieser Analyse hängt die Inlandsnachfrage in den USA in hohem Maße vom Arbeitsmarkt ab. Halten Sie es für möglich, dass im Laufe des kommenden Jahres wieder fast eine Vollbeschäftigung erreicht wird?

Nein, selbst im Falle einer wirtschaftlichen Erholung werden nur extrem günstige Umstände die Arbeitslosigkeit deutlich unter das derzeitige Niveau drücken. Die Quote von vier bis fünf Prozent, die vor der Krise bestanden hat, wird nicht so bald wieder erreicht werden.

Die USA sind nicht gerade dafür bekannt, ein überfürsorglicher Sozialstaat zu sein, und die gegenwärtigen sozialen Rahmenbedingungen in Amerika sind nicht geeignet, mit großen Zahlen Langzeitarbeitsloser angemessen umzugehen. Gibt es eine Aussicht auf mehr staatliche Unterstützung?

Die gegenwärtige Ausweitung der Arbeitslosenversicherung hat den Kongress mit ungewöhnlicher Leichtigkeit passiert. Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Stück für Stück wird mit einer Art Salamitaktik ein neues soziales Sicherheitsnetz geschaffen werden, das dem europäischen nicht völlig unähnlich ist, auch wenn es nicht ganz so umfassend sein wird. Außerdem sind die Menschen empört, weil die Verluste von Wall Street verstaatlicht werden, nachdem riesige Gewinne privatisiert wurden. Eine stärkere Einmischung des Staates wird jetzt positiver gesehen als noch vor ein paar Jahren. Die nächsten Jahre werden wir in vielerlei Hinsicht eine Neuausrichtung des Gleichgewichts zwischen Wirtschaft und Gesellschaft erleben.

In welcher Form werden andere Regionen davon betroffen sein?

Ökonomien außerhalb des angelsächsischen Raums waren nicht so stark vom Finanzsektor abhängig. Aber wir leben in einer globalisierten Wirtschaft, und Amerika repräsentiert noch immer das Herz des Systems. Die USA stellen eine ganze Anzahl von "öffentlichen Gütern" zur Verfügung: Erstens den US-Dollar als globale Reservewährung. Zweitens seine großen und liquiden Finanzmärkte, die es anderen Ländern erlauben, ihre Finanzaktivitäten teilweise auszulagern. Der größte Teil der vergangenen Krise, etwa die Zahlungsunfähigkeit von Russland und Argentinien oder die Krise in Asien, ist in der Peripherie ausgebrochen. Wenn das Zentrum des Systems stark ist, erholt sich das System leichter. Diese Krise ist anders, weil sie in den entwickelten Staaten und in den USA selbst ausbrach: Wenn das Herz des Systems verwundet wird, ist es auf Jahre hin destabilisiert. Nachdem die USA getroffen wurden, sind auch die von den USA bereitgestellten öffentlichen Güter unsicherer geworden.

Reicht eine starke Peripherie aus, um dem System dabei zu helfen, sich wieder zu erholen?

Das Bild, das ich mir von der globalen Wirtschaft mache, ist das eines riesigen Flugzeugs mit einer kraftvollen Maschine: dem US-amerikanischen Konsumenten. Diese Maschine hat das Flugzeug in großer Höhe gehalten. Aber nach der Finanz- und Bankenkrise ist fast kein Treibstoff mehr in Form einer privaten Kreditaufnahmekapazität vorhanden. In Zukunft wird es mehrere kleinere Maschinen anstelle von einer großen Maschine geben. Die USA sind eine von ihnen. China, Indien, Brasilien und Europa werden auch zu ihnen gehören. Es ist eine absolut gute Sache, wenn der Rest der Welt damit beginnt, zu all diesen anderen Maschinen zu werden, und wir uns von einer Welt der übermäßigen Abhängigkeit vom US-amerikanischen Konsumenten zu einer multipolaren Welt wandeln können.

Das Problem ist der Übergang. Kommen wir noch einmal auf mein Bild zurück. Würden Sie gern in einem Flugzeug sitzen, dessen Kapitän mitten im Flug erklärt: "Ich werde jetzt von einer großen Maschine auf zahlreiche kleine Maschinen umschalten."? An Bord solch eines Flugzeugs wollen Sie nicht sein. Sie wollen in dem Flugzeug sein, nachdem die Umstellung stattgefunden hat. Langfristig, das heißt wahrscheinlich in fünf Jahren, werden wir alle besser gestellt sein.

Die "Neue Normalität", wie Sie es nennen, stellt also trotz dieses Maschinenwechsels keine Bedrohung dar?

Nein. Eine Rückkehr zur "Alten Normalität" wäre eine Bedrohung. Die "Alte Normalität" bestand aus einer globalen Wirtschaft, die zu sehr von der Verschuldung der USA abhängig war. Es war eine Welt, in der viele Kreditinstitute mit großer Geschwindigkeit künstliche Booms durch Strukturierte Produkte und dergleichen erzeugten. Diese Welt wurde durch eine US-Verwaltung beherrscht, die glaubte, der Markt würde sich zu minimalen Kosten und auf die beste Weise selbst regulieren und dadurch den Rest der Welt überzeugen. Aber das globale System geriet in eine Sackgasse. Wegen der überwältigenden Schuldenlast und der dürftigen Kapitaldecke war die Welt nicht imstande, ihren Weg fortzusetzen oder einen neuen einzuschlagen, weil der Prozess des Schuldenabbaus aus dem Ruder lief und einen beträchtlichen Kollateralschaden erzeugte. Angesichts der hohen Gewinne, die privatisiert, und der Verluste, die verstaatlicht wurden, verwundert es nicht, dass dieser Niedergang von dem Unmut der Bevölkerung und einer neuen "Moral" in den Parlamenten begleitet wird. Die "Alte Normalität" wird nicht wiederkehren.

Wird den Schuldenbergen der "Alten Normalität" in der "Neuen Normalität" Rechnung getragen werden?

Die "Neue Normalität" ist eine Welt, in der die USA langsamer wachsen werden. Der Wachstumstrend wird in den USA von rund drei auf etwa zwei Prozent pro Jahr sinken. Eine stärkere Regulierung, höhere Steuern, niedrigere Kredite und Eingriffe des Staates werden zu den Faktoren gehören, die das Tempo eines nicht inflationären Wachstumspotentials begrenzen. Die Arbeitslosigkeit wird hoch bleiben. Und die "Neue Normalität" wird eine Welt sein, in welcher der Staat eine bedeutende Rolle spielen wird, vor allem im Finanzsektor. Mit dem internationalen Rückzug des angelsächsischen Modells wird das Zentrum des globalen Systems seinen anerkannten Zusammenhalt verlieren. Zudem werden sich die Risiken in Richtung der Staatsbilanzen und der steigenden Länderrisiken verschieben.

Quelle: Pressemeldung Allianz Group

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